mit ANNETTE BARCELO, HEIKO BLANKENSTEIN, SILVIA BUONVICINI, KARIN HUEBER, SARAH JÄGER, BORIS REBETEZ, ESTHER MEIER-RINGGER, KARIN SUTER, SAM SZEMBEK UND MAJA RIEDER
Ein Eine Ausstellung mit 10
Künstlerinnen und Künstlern zum Medium der Zeichnung
Vernissage: Samstag, 6. Februar 2010, 18 Uhr, anschliessend dj mifume & scherben inc.
Zeichnungen. Fragen, Antworten, Essen, Trinken, Tische, Stühle, ohne Podium: Sonntag, 21. Februar, 17 Uhr
&
«Ich habe mich geweigert einen Baum zu zeichnen», nennt sich die Ausstellung, mit welcher der Ausstellungsraum Klingental das Jahr 2010 eröffnet. Dem Satz wohnt ein Widerstand inne. Ein personifiziertes Ich steht uns gegenüber. Der Baum wurde nicht radiert und ausgelöscht; er wurde gar nicht erst gezeichnet – ist etwas anderes, neues an seiner Stelle entstanden? Die Zeichnung zeigt sich denn nicht als weiche Konstruktion, eher als scharfe Beobachtung, als Haltung im Linien- und Bilddenken. Zehn verschiedene Künstlerpositionen machen in der Ausstellung die Komplexität und Grenzenlosigkeit der Zeichnung sichtbar. Bildhaftes wechselt sich mit Abstraktion ab, Realismus mit Fiktion, Formales mit Intuitivem. Die Unterschiedlichkeit, Vielfältigkeit und Ausdehnung des Mediums bilden das Leitinteresse und den Anreiz für die von zwei Zeichnerinnen zusammengestellte Ausstellung.
Bild: Sarah Jäger, 2009
Das Denken in der Linie verliert und verlor nie an Aktualität. Doch
schon immer musste sich die Zeichnung gegen andere Medien beweisen um
das ihr anhaftende ‚Schattendasein’ abstreifen zu können. Seit einigen
Jahrzehnten jedoch hat das Medium Konjunktur. Zeichnungen sind nicht
mehr bloss Skizzen und Vorstudien sondern es wird ihnen
(berechtigterweise) ein autonomer Werkcharakter zugesprochen.
Zeichnungen durchdringen konsequent und präzise die Fläche, breiten
sich aus, setzen Striche, schaffen Zwischenräume und bestimmen
Leerstellen. Lebendigkeit und Phantasie gepaart mit Einfachheit und
Unmittelbarkeit sind in das Medium eingeschrieben. Schon lange hat die
Zeichnung die reine Zweidimensionalität verlassen, hat begonnen auch
den Raum zu erobern, ihre Grenzen ausgelotet und aufgeweicht und damit
Eigenständigkeit bewiesen.
Sam Szembek zeigt eine Auswahl seiner formalen, stark auf die Linie
konzentrierten und reduzierten Arbeiten, alle im Format 90 x 120 cm.
Mit tiefschwarzen, stets von Hand gezogenen Senkrechten, Horizontalen
und Diagonalen eröffnet er ausgereifte und präzise Bildräume. Dabei
macht er den Entstehungs- und Arbeitsprozess offen nachvollziehbar
indem Radierfragmente, Abdrücke und Korrekturen sichtbar bleiben. Die
selten in der Öffentlichkeit präsente Zeichnerin Esther Meier-Ringger
zieht in regelmässigem, fast rituellem Rhythmus schwarze Linien auf
zwei Wände des Ausstellungsraumes. Ihr raumgreifendes Linienziehen
verdichtet und vervollständigt sich so über die Dauer der Ausstellung.
Zu den Linien gesellen sich die Flächen: Maja Rieders für den
Ausstellungsraum geschaffenes, grossformatiges Werk besteht aus drei
intensiv mit Graphitpulver bearbeiteten Papierbahnen, die sich auf
raffinierte Weise gegenseitig bedingen. Ein fast monumentales, in
seiner Wirkung zäh fliessendes und doch statisches Gebilde besticht
durch scharfe Kanten, dunkle Flächen und weisse Leerstellen.
Bei Karin Hueber, bekannt für ihre architektonischen Interventionen
und Interpretationen (z. Bsp. «The Inside Out Exhibition», Projekt für
die Rückwand der Kunsthalle Basel, 2008), notiert die Zeichnung
räumliches Denken. Stark auf den Ort bezogen und an den eigenen
Körperproportionen gemessen, bespielt sie einen Pfeiler des
Ausstellungsraums mit einem erstmals gezeigten, stellenweise
verspiegelten Objekt aus gebeiztem Tannenholz.
Bild: Silvia Buonvicini, 2009
Boris Rebetez zeigt eine Art Sammelsurium von unterschiedlichen,
kleinformatigen Zeichnungen, Collagen und Fotografien, gebannt in
regelmässig gehängte Holzrahmen. Der Betrachter soll oder muss sich
annähern, kann eintauchen und in der Materialdichte ‚lesend’
Entwurfsprozesse, Raummodelle und Landschaften entdecken. Karin Suter
bereichert die Ausstellung mit einer Wand-Lichtarbeit bestehend aus
einer kreisrunden Neonröhre, von der Wand hängenden weissen Kabeln und
einem in Epoxyd-Harz getauchten Geäst. Betitelt ist das Werk mit «Helo»
– eine Anspielung auf die Lichteffekte der atmosphärischen Optik (Halo
genannt), die durch Reflexion und Brechung von Licht an Eiskristallen
entstehen. Zu der installativen ‚Lichtzeichnung’ gesellt sich ein
dichtes Konglomerat von schwarz-weissen Tuschezeichnungen, die (in der
Ausstellung) für die Suche nach einem neuen Werkzyklus – für die
Zeichnung als Vorstudie und Medium der Reflexion stehen.
Irgendwo zwischen narrativ und doch abstrakt bewegen sich Sarah
Jägers «Holes». Aus einer grösseren Serie hat die Künstlerin acht
Arbeiten ausgewählt. Dämonenartige Gestalten, Subjekte ohne Boden unter
den Füssen schweben losgelöst im Blattraum. Durch den präzisen und
ausdifferenzierten Strich der Zeichnerin erhalten sie jedoch materielle
Substanz. Teils brutal und verletzlich, teils dekorativ beschönigt
lassen sich bei jedem einzelnen Werk der Serie andere Gefühle
assoziieren und eine kühle, äusserst spannende Welt voller dunkler
Löcher tut sich auf. Annette Barcelos vierundzwanzig für die
Ausstellung neu entstandenen Zeichnungen mit dem Titel «Wer hätte das
gedacht» führen eine keineswegs heile, jedoch faszinierende Welt vor,
in der dunkle Fabeltiere und Geisterwesen gemeinsam zu Wasser fahren.
Silvia Buonvicini füllt einen ganzen Raum mit ihren intuitiven
Bild-Erfindungen. Für die nun gezeigte, kabinettartige Raumsituation
bedient sie sich ihrem über die Jahre gewachsenen Archiv. Mit
bestechend dichten, detaillierten und präzise gesetzten Strichen stellt
Heiko Blankenstein dem Betrachter in seinen grossformatigen Werken eine
scheinbar realistische und doch surreale Welt gegenüber. Strich für
Strich ‚modelliert’ er mit Farbstift und Kugelschreiber ineinander
übergreifende Bildräume, die sich weder im Innen noch im Aussen
verorten lassen.
Die insgesamt zehn Beteiligten sind intensiver oder lockerer mit
Basel verbunden und kommen aus ganz unterschiedlichen Generationen. Sie
alle loten und kosten das Medium Zeichnung aus und werfen damit nicht
allzu leicht zu beantwortende Fragen auf.
Text: Magdalena Friedli. Ausstellung: Geneviève Morin und Rahel Schelker.
Die Ausstellung wird unterstützt durch die Deutsche Botschaft in Bern.